By Edina Krompák and Lindita Bakii
Lindita: Ich befinde mich derzeit in einer intensiven Datenerhebungsphase und pendle zwischen Bern, wo ich wohne, und Genf, wo ich die Erhebungen durchführe. Auch befinde ich mich zwischen Planung und gelebter Schulrealität, und zugleich zwischen sprachlichen Räumen, in denen Französisch zur zentralen Sprache wird und in der ich mich mit der Zeit immer wohler fühle. Nach und nach hat sich ein eigener Rhythmus angenommen. Wenn ich in der Schule ankomme, die Tür öffne, werde ich kurz angelächelt und dann fliesst der Unterricht weiter. Dieses Mal war Edina dabei. Ich war froh darüber, da ein Kind kaum Französisch spricht und nur Spanisch kann.


Kaum angekommen, zeigte sich, wie wenig linear Forschung manchmal verläuft. Drei Lifescape- Interviews waren geplant, doch die Schüler*innen hatten ihre Materialien nicht dabei. Die Lehrperson sprach im Plenum darüber, mir gegenüber entschuldigend und den Schüler*innen gegenüber etwas verärgert, da es nicht das erste Mal war, dass Aufgaben vergessen gingen. In mir entstand ein Zwiespalt: Forschung ist freiwillig und doch hängt vieles von organisatorischen Abläufen ab, die nicht immer in meiner Hand liegen. Ich versuchte die Situation zu beruhigen, versicherte den Schüler*innen, dass ich noch mehrere Male im März vorbeikomme. Edina und ich entschieden uns, spontan und flexibel zu bleiben und legten den Fokus auf die Mediagramme. Ohne detaillierten Plan fühlte sich der Übergang zunächst holprig an; ein kurzer Austausch mit Edina reichte aber, um einen neuen Rhythmus zu finden. Wir arbeiteten mit Zweiergruppen. Das Interview auf Spanisch führte Edina durch, ich hörte zu und bemerkte, dass ich mehr verstand, als ich erwartet hatte. Ich blieb bewusst im Hintergrund. Das andere Mädchen der Zweiergruppe erwähnte von sich aus, dass sie eine Gebärdensprache kann. Auf mein Nachfragen reagierte sie lächelnd und stolz, indem sie uns einige Begriffe vorzeigte und beibrachte. Sie ergänzte, dass sie die Gebärdensprache teilweise in der Familie und mit Freunden aus Spass verwendet. Das hat uns beeindruckt.
Edina: Am Montag, den 9. Februar reiste ich mit Lindita nach Genf, in zwei Schulen Daten zu erheben und einen Einblick in dieses Feld zu erhalten. Auf dem Weg übte ich, wie ich mich auf Französisch vorstellen kann: «Je m’appelle Edina. Je travaille à la HEP. Je suis responsable du projet ». Bewusst habe ich einfache Sätze gewählt, da ich vor allem rezeptive Französischkenntnisse habe. Bereits in der ersten Schule konnte ich aber mein Spanisch verwenden und eine Schülerin, die ganz wenig Französisch konnte auf Spanisch zu befragen. Die einführenden Sätze „Hola, soy Edina. Que tal?“ erlaubten einen saften und gemütlichen Einstieg ins Interview auf Spanisch.
Lindita: Bei den Interviews auf Französisch zeigte sich eine interessante Dynamik. Ich führte die Interviews durch und Edina stellte am Schluss ein, zwei Fragen auf Englisch. Eine Schülerin antwortete mit einer Selbstverständlichkeit sofort auf Englisch, während die andere Schülerin mich fragend anschaute. Ich übersetzte für sie ins Französische. Solche Momente der Mehrsprachigkeit machen den Prozess sichtbar und lebendig. Ich wusste nicht, dass die eine Schülerin so gut Englisch sprechen konnte.
Am Nachmittag wechselten wir zu einer anderen Schule in Genf, wo uns eine kleine Anzahl an Schüler*innen erwarteten. Wir stellten unser Projekt ausführlich vor und die Lernenden waren sehr neugierig und stellten viele Fragen. Zunächst beobachteten wir eine Lektion im Bildnerischen Gestalten. Der Auftrag wurde durch die Lehrerin auf Französisch erklärt, gelegentlich wechselte sie zum Englischen, da eine Schülerin noch wenig Französisch verstand. Die Schüler*innen sollten mit Linien Figuren und Geschichten entwickeln – eine Bande Dessinée sollte entstehen. Dabei mussten die Linien an den Rändern der Felder ankommen und die Anweisung war, mit Kugelschreiber zu arbeiten. Kein Bleistift, kein Radiergummi – dies ganz bewusst. Die Lehrperson erklärte, dass es keine Fehler gebe, nur Linien, die sich weiterentwickeln. Diese Erklärung sah ich in dem Moment auch als kleine Parallele zur Forschung; ein Arbeiten mit dem, was entsteht und ein flexibles Reagieren, auf das, was sich zeigt. Jeder Besuch in Genf hinterlässt neue Linien, manche geplant, andere unerwartet. Und gerade in diesen unsicheren Strichen zeigt sich auch die Schönheit der Forschung. Im gemeinsamen Aushandeln von Bedeutung, im Zuhören und Vertrauen, dass aus vielen kleinen Begegnungen ein grösseres Bild entsteht.

Bild: Zeichnung einer Schülerin
Nach der Beobachtungslektion konnten wir mithilfe der Mediagramme, die gezeichnet wurden, spannende Interviews zum digitalen Sprachgebrauch der Schüler*innen führen. Es entstanden Gespräche und Reflexionen über Mehrsprachigkeit und Herkunft, bei welchen die Schüler*innen nicht nur ihre Sprachen sichtbar machten, sondern auch erzählten, in welchen Kontexten sie diese nutzen, wechseln oder bewusst zurückhalten.
Edina: Meine erste Interviewpartnerin interviewte ich auf Englisch, da sie erst seit drei Monaten in Genf ist und wenig Französisch spricht. Neben Portugiesisch und afrikanischen Dialekten spricht sie sehr gut Englisch, ein wenig Chinesisch und jetzt lernt sie Französisch. Die zweite Schülerin kam aus der Ukraine und spricht Ukrainisch und Russisch zu Hause. Als ich ihr spontan gesagt habe, dass ich das Interview auch auf Russisch führen kann, entschied sie sich für Russisch. Es freute mich sehr, mein Russisch einsetzen zu können. Es war ein ausgesprochen bereichernder mehrsprachiger Tag mit vielen interessanten Einblicken in den sprachlichen Alltag der Schülerinnen und Schüler.
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